Stephen Dobyns – Ist Fat Bob schon tot?

Stephen Dobyns – Ist Fat Bob schon tot?

Roman

Gebundene Ausgabe 464 Seiten

Verlag: C. Bertelsmann

Erschienen: 17.04.2017 , 19,99 €

Deutsch von Rainer Schmidt

Ein Motorradfahrer prallt mit voller Wucht gegen eine Laster, der quer zur Straße aus einer Einfahrt kommt. Von dem Harleyfahrer bleibt nicht viel übrig und die Identifizierung gestaltet sich schwierig. Ist der Tote der Besitzer der Maschine Robert Rossi, genannt „Fat Bob“? Connor Raposo wollte doch nur seine Schuhe beim Schuhmacher abholen, den Unfall vor der Schuhmacherwerkstatt hat er nicht gesehen, jetzt kommt er aber mit seinem am Geschäft geparkten Wagen nicht weg, die Polizei hat alles abgeriegelt. Da bleibt nur ein Smalltalk mit einem anderen Wartenden. Kennt er den nicht von irgendwoher? Scheinbar völlig unzusammenhängende Personen und Ereignisse verknüpfen sich im Laufe der Geschichte immer mehr. Und Protagonist Connor Raposo stolper immer tiefer in die Geschehnisse, bis ihm klar wird, dass man auch hinter ihm her ist. Mit umwerfender Situationskomik und lakonischen Dialogen jagt Stephen Dobyns seine Helden durch eine höchst raffinierte Krimigeschichte, die in einem furiosen wie unerwarteten Showdown mündet. Ein Lesevergnügen für alle Freunde des schrägen Humors.

Ja, schräg ist der Humor in diesem ungewöhnlichen Krimi tatsächlich. Connor Raposo ist jung und naiv. Er arbeitet in einem „Familienunternehmen“ „Bounty Inc.“, das Geld von gutgläubigen Bürgern erschwindelt, unter anderem für Aktionen wie „Rettet Beagle vor der Nikotinsucht“. (Da hätte ein Beagle besser aufs Buchcover gepasst als eine Katze.) Solche Machenschaften scheinen wohl nur in den USA möglich. Connors Aufgabe in diesem Unternehmen ist es, die Spendenschecks aus dem Postfach abzuholen, so bleibt ihm viel Zeit sich auch mit anderen Dingen zu beschäftigen. Dadurch gerät er immer tiefer in eine Geschichte, die ihn nichts angeht, hat aber ohne es zu bemerken, mehr Einblick in die Geschehnisse als die beiden schrägen Polizeiermittler Manny und Vikstöm. Überall prallen die Interessen von Möchtegern-Gangsterbossen, Kleinganoven, Obdachlosen, Poizisten und  Ehefrauen aufeinander, das löst zweifellos viele Konflikte aus, die der Story immer neue Wendungen geben.

Wer sind denn in diesem Krimi die Guten, wer die Bösen? Eigentlich werden einem beinahe alle Personen nicht zuletzt aufgrund der äußerst detailreichen Skizzierung der Charaktere irgendwie sympathisch. Wo anderer Autoren ein grobes Bild ihrer Protagonisten zeichnen, erfahren Dobyns Lesen scheinbar alles über die Romanfiguren, vom Aussehen her über Gewohnheiten und Marotten bis hin zu ihren Gedankengängen. Einen wesentlichen Teil trägt der allwissende Erzähler bei, der sich direkt an den Leser wendet. Mal gibt er humorvolle Charaktereigenschaften preis, mal bestimmt er, wo die Geschichte weiter geht.

Lassen sie sich nicht verwirren, denn bis zum fulminanten Ende bleibt die Frage offen: „Ist Fat Bob schon tot?“

Feidman plays Beatles

giora-feidman185Die ganze Welt umarmen – Feidman plays Beatles

Wesel (csp). Im März wird der weltberühmte Klarinettist Giora Feidman 81, doch das hindert ihn nicht immer wieder neue Projekte in Angriff zu nehmen. Am 3. Februar erscheint die CD „Feidman plays Beatles“. Zur Zeit ist er mit dem Rastrelli Cello Quartett und den Beatlessongs im Gepäck auf Tournee. Alleine 32 Termine absolviert er zwischen 6. Januar und 6. April in ganz Deutschland.

Am 4. Januar spielte er die beliebten Songs der Fab Four im St. Willibrordi Dom Wesel natürlich vor ausverkauftem „Haus“. Hunderte lauschten den Klängen von „Yesterday“, „Michelle“, „A Hard Days Night“ oder „Let It Be“ die Feidman auf seine unvergleichliche Art spielte. Das Arrangement stellt die Musik der Beatles in den Vordergrund, aber Feidman wäre nicht Feidman wenn er nicht einen Hauch Kletzmer mit in seine Interpretation brächte. So lässt er Klarinette und Bassklarinette schreien, weinen oder sprechen. Die grandiose Akustik des Doms erhöht die Darbietungen zu sphärischer Musik.

Unter den Besuchern ist niemand auszumachen, dem das Dargebotene nicht ausgesprochen gut gefällt. Und zudem haben die Konzertbesucher noch die Gelegenheit vor dem offiziellen Termin die CD mitzunehmen und sich von einem ziemlich erkälteten Giora Feidman signieren zu lassen.

Nur wenige Male tritt der Ausnahmeklarinettist ans Mikrofon, man merkt ihm deutlich an, dass er nicht mehr so gut auf den Beinen ist wie früher. Dafür hat er aber nichts von seinem Humor eingebüßt. „Nicht im Neuen Testament, nicht im Alten Testament steht, wann eine Zugabe gespielt werden soll. Deshalb spielen wir die jetzt“, scherzt er noch vor der Pause und stimmt „When I’m 64“ an.

Die vier Herren des Rastrelli Cello Quartetts, die durch harmonisches Zusammenspiel mit dem großen Meister und mit ihrer rockigen Behandlung ihrer Instrumente glänzen, haben mit „Dizzy Miss Lizzy“ ihre verdiente Solonummer. Im zweiten Konzertteil wird das Ensemble durch das Jerusalem Duo Hila Ofek (Harfe) und André Tsirlin ( Sopransaxophon) erweitert. Beide widmen sich den zarten Songs „While My Guitar Gently Weeps“ und „Something“. Feidman hat besondere Freude, das Duo vorzustellen, ist Hila Ofek doch seine Enkelin und André Tsirlin der frisch Angetraute.

Nicht nur die Musiker scheinen eine große Familie zu sein. „Nein“, sagt Giora und zeigt auf den musikalischen Leiter des Rastrelli Cello Quartetts Kira Kraftzoff, „das ist nicht mein Bruder. Wir haben nur beide den selben Friseur.“ Dann streicht er sich mit einer Hand erklärend über den kahlen Schädel. Familie, Freunde, Freundschaft, Frieden und Harmonie unter den Menschen sind immer Feidmans Themen gewesen, so verzichtet er auch nicht mit einem bescheidenen Appell an die Anwesenden. „Egal wo auf der Welt, egal ob Deutsche oder Juden, wir sind alle Menschen, eine große Familie, ich bin ein Teil deiner Familie.“

Mit „Maxwell’s Silverhammer“ als Zugabe endet das großartige Konzert. Und bei stehenden Ovationen singen alle zum angehängten „Hey Jude“ das „naa, naa, naa, naa, na, na, na, na“ mit.

giora-feidman272 giora-feidman258 giora-feidman229 giora-feidman217 giora-feidman214 giora-feidman200 giora-feidman197 giora-feidman185 giora-feidman179 giora-feidman164 giora-feidman161 giora-feidman145 giora-feidman137 giora-feidman136 giora-feidman127 giora-feidman124 giora-feidman102 giora-feidman079 giora-feidman063 giora-feidman060 giora-feidman057 giora-feidman054 giora-feidman042 giora-feidman038 giora-feidman024 giora-feidman018 giora-feidman008

 

Marc Elsberg – Helix. Sie werden uns ersetzen

HELIXSie werden uns ersetzen von Marc ElsbergMarc Elsberg – Helix. Sie werden uns ersetzen

Roman

Hardcover, 648 Seiten

Verlag: Blanvalet

22,99 Euro

Erschienen: 31.10.2016

Gerade frisch aus der Druckerei liest man sich in die neue Story von Marc Elsberg genauso schnell ein wie in seine Zukunftsvisionen „Blackout“ oder „Zero“. Der neue Roman ist „der Hammer“ und trifft den halbwegs informierten Leser entsprechend. Von Gentechnik und -manipulation haben wir alle schon gehört, ein Thema, das immer wieder in den Medien kursiert. Elsberg ist in der Lage damit eine Geschichte zu konstruieren, die absolut glaubwürdig ist und wenn es auch noch nicht heute passieren kann, was er uns da serviert, so doch in naher oder ferner Zukunft.

Mit vielen losen Anfangsfäden spinnt der Autor eine Story, die sich immer mehr verdichtet, spannend bis zur letzten Zeile. Und aus der Hand legen mag man das Buch auch nicht, bevor man es nicht zu Ende gelesen hat.

Der US-Außenminister stirbt bei einem Staatsbesuch in München. Während der Obduktion wird auf seinem Herzen ein seltsames Zeichen gefunden – von Bakterien verursacht? In Brasilien, Tansania und Indien entdecken Mitarbeiter eines internationalen Chemiekonzerns Nutzpflanzen und –tiere, die es eigentlich nicht geben kann. Zur gleichen Zeit wenden sich Helen und Greg, ein Paar Ende dreißig, die auf natürlichem Weg keine Kinder zeugen können, an eine Kinderwunschklinik in Kalifornien. Der Arzt macht ihnen Hoffnung, erklärt sogar, er könne die genetischen Anlagen ihres Kindes deutlich verbessern. Er erzählt ihnen von einem – noch inoffiziellen – privaten Forschungsprogramm, das bereits an die hundert solcher »sonderbegabter« Kinder hervorgebracht hat, und natürlich wollen Helen und Greg ihrem Kind die besten Voraussetzungen mitgeben, oder? Doch dann verschwindet eines dieser Kinder, und alles deutet auf einen Zusammenhang mit sonderbaren Ereignissen hin – nicht nur in München, sondern überall auf der Welt …

Neil Gaiman – American Gods – Director´s Cut

american-godsNeil Gaiman – American Gods – Director´s Cut

Eichborn

Paperback, 672 Seiten

Fantasy Bücher

Übersetzung ins Deutsche von Hannes Riffel

Originalausgabe erschienen 2001 unter dem Titel „American Gods“, deutsche Ausgabe erstmals 2015, 672 Seiten

Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. So lautet ein beliebtes angeblich von B. Brecht stammendes Zitat. Die Frage, ob das auch für Götter gilt beantwortet Neil Gaiman in seinem Roman „American Gods“ (Amerikanische Götter).

Faszinierend in einer Mischung aus Krimi und Fantasy-Roman wirft der Autor philosophische und religiöse Fragen auf, mit denen sich auch sein Protagonist Shadow auseinandersetzen muss.

Als Shadow aus dem Gefängnis entlassen wird, ist nichts mehr wie zuvor. Seine Frau wurde getötet, und ein mysteriöser Fremder bietet ihm einen Job an. Dieser nennt sich Mr. Wednesday und weiß ungewöhnlich viel über Shadow. Er behauptet, ein Sturm ziehe auf, eine gewaltige Schlacht um die Seele Amerikas. Eine Schlacht, in der Shadow eine wichtige Rolle spielen wird. Wie der Titel schon verrät geht es um Götter, alte, uralte und ganz moderne, die man erst einmal gar nicht als „Götter“ auf dem Schirm hat.

Eines der meistbeachteten Bücher des letzten Jahrzehnts: eine kaleidoskopische Reise durch die Mythologie und durch ein Amerika, das zugleich unheimlich vertraut und völlig fremd wirkt. Erstmals ungekürzt auf Deutsch und komplett neu übersetzt als „Director’s Cut“, etwas, das man aus der Filmbranche kennt und hier auf die Literatur übertragen wurde.

Zugegeben, das Buch ist nicht neu, der Roman stammt aus 2001 und erschien bisher in verschiedenen Versionen wie der Autor in einer Fernsehsendung verriet. Der „Director’s Cut“ enthält rund 100 Seiten mehr als die Erstveröffentlichung und bringt in das religiöse und mythologische Thema noch einmal ganz neue Aspekte mit hinein. Denn wo sich der Autor in US-Amerika gescheut hat, in der deutschen Ausgabe ist es mit drin, er lässt sogar Jesus zu Wort kommen.

Leon Sachs – Falsche Haut

Leonleon-sachs-falsche-haut Sachs  – Falsche Haut

Thriller, Paperback, 336 Seiten

Emons Verlag Köln 2015

Euro 14,95

Das Erstlingswerk von Leon Sachs ist ein spannender Thriller, der mit einer interessanten Verschwörungstheorie aufwartet, die durchaus an Dan Brown heranreicht. Mit „Falsche Haut“ liegt ein Roman auf dem Tisch, der nicht nur vor Spannung knistert, sondern auch viel über Frankreich, wo die Geschichte in der Jetztzeit spielt, erzählt. „Das Buch ist ein Thriller, kein Liebesroman“, erklärt Sachs in einer Lesung. „Von Liebe verstehe ich nichts aber von Krimis. Nicht falsch verstehen, nicht dass sie denken, ich verstehe was vom Morden. Ich bin Jude, und wir Juden verstehen uns auf Verschwörung“, sagt er Augenzwinkernd.

Alex Kauffmann, Professor für Geschichte an der Universität Fribourg, muss tief in die Vergangenheit Frankreichs zurückgehen, um herauszufinden, weshalb seine Freundin Natalie mit dem Tod bedroht wird. Dabei ist der Gegner keine Einzelperson sondern ein Geheimbund, der sich zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Frankreich gegründet hat. Bis heute existiert dieses äußerst mächtige Bündnis, das bereit ist über Leichen zu gehen. Was kann ein kleiner Geschichtsprofessor da machen? Während der Hetzjagd durch Frankreich geraten Alex und Natalie zudem in das Visier der Polizei. Und wem können sie vertrauen?

Durch die akribische Feinarbeit, mit der Sachs gut fünf Jahre die historischen Hintergründe seines Plots recherchiert hat, gelingt ihm eine durch und durch glaubwürdige Erzählung. Die düsteren Hintergründe steigern sich zur Beklemmung. Der Leser fragt sich, ob die Geschehnisse tatsächlich nur der Phantasie des Autors entsprungen sind oder ob eine derartige Unterwanderung eines modernen Staates tatsächlich möglich wären. Großartig erzählt, absolut lesenswert und sicher ein Stoff der verfilmt werden sollte.

 

 

 

Andreas Gruber – Apocalypse Marseille

gruber-apocalypseAndreas Gruber – Apocalypse Marseille

Utopische Geschichten, Paperback, 344 Seiten

Luzifer-Verlag 2016

Andreas Gruber zeigt in dreizehn utopischen Geschichten, dass er nicht nur von den Großen der Science-Fiction-Literatur beeinflusst wurde sondern auch welch erzählerisches Talent in ihm selber steckt. Jede seiner Stories führt er mit teils witzigen, teils recht informativen Vorreden ein. Dabei erfährt der Leser/ die Leserin etwas über Grubers schriftstellerischen Werdegang, seine Vorlieben und Abneigungen. Verleugnen kann er nicht seine Affinität und Liebe zum Science-Fiction- und Fantasy-Genre.

Die erste Kurzgeschichte „Sieben Ampullen“ kommt beinahe wie ein normaler Kurzkrimi beim Lesen an. „Ramada Inn“ wartet dann schon mit „Alien“ auf und in „Biohybriden“ erinnert man sich an zahlreiche Filme, in denen Mensch und Maschine eins werden. Viele der Kurzgeschichten entwickeln sich phantastisch und enden teils abrupt mit einem auflösenden Satz. Da wünscht sich der Eine oder Andere eventuell ein herausgezogenes Ende oder eine Weiterentwicklung der Geschichten.

„Weiter oder Raus“ ist in dieser Erzählsammlung ein längeres Werk. Eine perverse Fortführung der dem Leser bekannten Unterhaltungsshows und Reality-Live-Shows im abendlichen Fernsehen. Wer an „Wetten, dass…“ denkt, liegt nicht ganz falsch. Allerdings sollten Menschen mit gutem Vorstellungsvermögen diese Geschichte meiden. Sie ist an Brutalität kaum zu überbieten; nichts für schwache Nerven.

Es gibt auch sanfteres, beinahe Schönes, wenn uns der Autor mit einer Zeitreise ins Wien um 1900 entführt oder auf eine vergangene Forschungsreise ins Innere eines Maya-Tempels. Und dem Untergang der Titanic gibt er in einer seiner Stories einen völlig neuen Aspekt.

Doch die Welt der Zukunft ist nicht rosig, zumindest nicht bei Gruber. Das ist keine heile Welt mehr, die er uns aufzeigt, eher düster und kaputt wie in „Apocalypse Marseille“, die dem Erzählband ihren Namen gegeben hat. Wie geht das Leben nach dem „Fall out“ weiter, wie sieht unsere Welt nach Atomkatastrophen aus? Eines erreicht Gruber mit seinen Geschichten, er regt dazu an sich die künftige Welt einmal anders vorzustellen, vielleicht erreicht er ja damit, dass sich einige Wenige im Jetzt anders verhalten. Ein Lesevergnügen für eingefleischte Science-Fiction-Fans ist sicher.

Stefan Holtkötter – Dreikönigssingen

Dreikönigssingen-CoverStefan Holtkötter – Dreikönigssingen

Provinz-Krimi, Paperback, 237 Seiten

Verlag Topp + Möller,  November 2015

Holtkötters neues selbsternanntes Ermittlerduo hat gerade seinen ersten Fall bravourös gemeistert, da geschieht schon wieder ein Mord im beschaulichen münsterländischen Dorf Buddenbeck. Miss Marple und Mister Stringer, ach nein, Tönne Oldenkott, landwirt im Ruhestand und Dorfpolizistin Lisbeth, die richtig Gül Yilmaz heißt kümmern sich auch um diesen neuen Fall. Sie kennen ihre Buddenbecker besser als die ganzen „Kriminalen“ in Münster und die beiden ahnen, dass die Kripo gewaltig auf dem Holzweg ist.

In einer stürmischen Nacht in Buddenbeck zündet mancher alte Münsterländer noch eine geweihte Kerze an, um Unheil von Mensch,  Vieh und Haus abzuwenden. Ein christlicher Brauch, der immer mehr in Vergessenheit gerät, findet auch Tönne Oldenkott und beobachtet schlaflos, was bei seinem Nachbarn auf dem Hof passiert. Fahrzeuglichter kann er ausmachen, mehr nicht. Am nächsten Tag wird sein Nachbar Bauer Alfons Kerkering tot auf dem Hof gefunden. Brutal erschlagen. War es ein Einbrecher, wie die Kriminalbeamten aus Münster vermuten? Der selbsternannte Ermittler traut der Kripo nicht zu, den Fall zu lösen, so ermittelt er mit Hilfe von „Lisbeth“ auf eigene Faust. Das Dreikönigssingen seiner beiden Enkeltöchter bietet Tönne die Möglichkeit sich auf den Höfen im Dorf umzuschauen ohne Argwohn zu erregen.

Holtkötters neue Romanfiguren sorgen für einen unbeschwerten Ausflug aus dem Alltag und sind eine nette Lektüre für zwischendurch mit einem Hauch von Lokalkolorit. Der Lesespaß wird einzig durch eine äußerst mangelhafte Lektorierung getrübt, es wimmelt nur so von Fehlern, und so hat sogar das Mordopfer zwei verschiedene Vornamen.

 

Stefan Holtkötter – Schützenbrüder

Schützenbrüder-CoverStefan Holtkötter – Schützenbrüder

Provinz-Krimi, Paperback, 223 Seiten

Verlag Topp + Möller,  November 2014

Mit seinem Wechsel zum Verlag Topp + Möller präsentiert Stefan Holtkötter zwei neue Provinzkrimis, die der Verlag mit einem Button „Münster kriminell“ bewirbt. „Schützenbrüder“ und „Dreikönigssingen“ sind in der Heimat des gebürtigen Münsterländers angesiedelt, und sicher kann der Autor zahlreiche Erinnerungen aus seiner Kindheit und Jugend mit einbringen, die die Geschichten recht authentisch wirken lassen.

Wer kennt nicht Miss Marple und Mister Stringer, die Protagonisten der Agatha Christie Krimis? Holtkötter nimmt sie sich als Vorbild, tauscht aber Miss Marple gegen den im Unruhestand befindlichen Landwirt Tönne Oldenkott und Mister Stringer gegen die junge türkischstämmige Dorf-Polizistin Gül Yilmaz. Lisbeth nennt er sie immer, weil ihn ihr Vorname doch zu sehr am Gülle erinnert.

Beim Schützenfest wird hinter dem Festzelt die Leiche des Kassenwarts aufgefunden. Der eigenbrötlerische Mann wurde mit Kirsch-Aufgesetztem vergiftet. Für die Kriminalpolizei in Münster steht die Mörderin schnell fest, die Tochter des Ermordeten, denn zum einen hat sie ihrem geizigen Vater Werner Osthues den Aufgesetzten selber mitgegeben, weil der nichts anderes trinkt, und zum Anderen hat niemand sonst aus dessen gut bewachter Flasche getrunken. Wer sollte ihn also umgebracht haben und aus welchem Grund?

Tönne kennt alle Buddenbecker, so ist er sich sicher, dass Mechthild Osthues ihren Vater nicht auf dem Gewissen hat. Der Mörder ist wo anders zu suchen. Um Mechthild aus der Untersuchungshaft zu holen, ihre Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden, sind Tönne auch nicht ganz legale Tricks recht. Dorfpolizistin Gül hilft widerstrebend mit.

Den Auftakt zu seinem neuen Krimi gestaltet Stefan Holtkötter sehr witzig, leider verliert sich dieser Humor in der weiteren Geschichte schnell und funkt nur gelegentlich hier und dort wieder auf. Die Story selber ist schlüssig und bedient sich der üblichen Umwege, bis der Täter überführt ist. Kleine Nebenhandlungen vermitteln Atmosphäre und verraten dem Leser mit Hilfe seiner Phantasie mehr über die Personen, als es der Autor mit Worten bewerkstelligt. Insgesamt eine leichte Wochenendlektüre, die auch gerne mit ins Bett genommen werden darf, da sie mit Sicherheit keine bösen Träume provoziert.

Tibor Rode – Das Mona-Lisa-Virus

mona-lisa-virusTibor Rode – Das Mona-Lisa-Virus

Thriller, Bastei Lübbe

462 Seiten, 14,99 €, Paperback

15.04.2016

Schöne Menschen haben größeren Erfolg im Leben, schöne Dinge werden bevorzugt. Warum das so ist, erklärt in der Kunst der sogenannte „Goldene Schnitt“ ein Zahlenverhältnis, das bereits seit der Antike bekannt ist. Die Wissenschaftlerin Helen Morgan – Protagonistin des Thrillers – untersucht dieses Phänomen, die Wirkkraft der Schönheit. Sie hat unter anderem eine Methode entwickelt, mit der sie Kunstwerke vermisst. Ihre Arbeit soll sie auch an dem berühmtesten Gemälde der Welt Leonardo da Vinci Mona Lisa durchführen. Dazu kommt Helen jedoch nicht, denn die Ereignisse überschlagen sich und sie wird in eine Geschichte hineingezogen, deren Ausmaße niemand zu durchschauen scheint.

In Amerika verschwindet eine Gruppe von Schönheitsköniginnen und taucht durch Operationen entstellt wieder auf. In Leipzig sprengen Unbekannte das Alte Rathaus, und in Mailand wird ein Da-Vinci-Wandgemälde zerstört.  Gleichzeitig verbreitet sich auf der ganzen Welt ein Computervirus, das Fotodateien systematisch verändert und außerdem gibt es ein mysteriöses Bienensterben.

Irgendjemand hat offensichtlich der Schönheit den Kampf angesagt. Aber was haben Bienen damit zu tun? Mit der Frage, wie diese Ereignisse zusammenhängen beschäftigte sich nicht nur Helen Morgen, die erfährt, dass ihre Tochter entführt wurde,  sondern auch FBI-Agent Millner. Der Anfang des Komplotts scheint in der Schaffung des berühmten Mona-Lisa-Gemäldes vor 500 Jahren zu liegen.

Tibor Rodes Roman bietet ein kurzweiliges Lesevergnügen, ein echter Thriller. Er erinnert ein wenig an Dan Browns Verschwörungskrimis. Auch Rhodes Geschichte setzt in einigen Passagen auf den „deus ex macina“, das Geld und den Einfluss eines der reichsten Männer der Romanwelt. Dennoch ist die Geschichte logisch aufgebaut und lässt keine Frage offen. Schwierig ist der etwas holprige Einstieg. Verschiedene Orte und Handlungen werden zusammenhanglos hintereinander gesetzt. Wer aber die Geduld aufbringt, den einzelnen losen Fäden zu folgen, wird mit einem spannenden Stoff beschert.

Rita Falk – Leberkäsjunkie

LeberkäsjunkieRita Falk – Leberkäsjunkie

dtv premium, 2016
Originalausgabe
320 Seiten, 15,90 € broschiert
Ach ja, der Eberhofer Franz hat’s schwer, er ist Papa geworden, aber so recht etwas von seinem Sprößling hat er nicht, denn die Susi macht ihm Stress, die Besuchszeiten organisiert die Mutter knallhart durch, da kennt sie kein Pardon. Schließlich sind Franz und Susi ja nicht verheiratet, eben nur Vater und Mutter. Und außerdem lässt die Susi den Franz irgendwie nicht mehr näher an sich rankommen.

Nach seiner Versetzung nach München sieht die Welt für den Dorfpolizisten ja etwas anders aus, ausgerechnet da passiert wieder etwas in Niederkaltenkirchen, die Pension von der Mooshammer Liesl brennt ab und mit der Pension ein Fremder, der mit Brandpaste beschmiert und bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurde. Wer ist das Brandopfer, was wollte es im Dorf? Schnell gerät der angolanische Fußballspieler Buengo vom FC Rot-Weiß Niederkaltenkirchen unter Mordverdacht. Franz nimmt die Ermittlungen auf natürlich mit der aufgedrängten Hilfe seines Ex-Kollegen und Freundes dem Birkenberger Rudi.

Aber dem Franz wird immer so schwummrig. Auch dem Doktor Brunnermeier gefällt der Eberhofer gar nicht und so führen die Schwindelanfälle dazu, dass der Franz von der Oma auf Cholesterindiät gesetzt wird, Schluss mit Fleischpflanzerln oder mit den „Warmen“ vom Simmerl. Das erschwert die Ermittlungen ungemein und  der „Leberkäsjunkie“ Franz leidet unter Entzugserscheinungen, seine Laune ist damit auch völlig im Keller.

Nicht aber die Laune der Leser. Mit dem siebten Eberhofer-Krimi geht die Provinzkrimireihe um Franz und seinen treuen Hund Ludwig, die schwerhörige Oma, den kiffenden Papa, den ungeliebten Bruder Leopold, Ex-Kollegen Rudi und den anderen wohlbekannten und geliebten Figuren weiter. Logisch und liebevoll gestaltet Rita Falk ihre Geschichte und die Figuren. Wieder kann der Leser in die nicht immer heile Dorfwelt eintauchen. Zu lachen gibt es selbstverständlich bei den Falk-Krimis sehr viel. Sie ist eine der wenigen, die es gekonnt versteht Witz und Krimigeschichte zu verbinden, so wird das Lesen zu einem Leckerbissen. Zum Schluss gibt es außerdem alle erwähnten Gerichte der Oma noch einmal zum Nachkochen vom Franz aufgeschrieben, und auch die Koch- und Backrezepte sind mit reichlich Humor gewürzt.